Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Immer mehr Menschen nutzen KI-Chatbots, um sich Fragen zu ihrer psychischen Gesundheit beantworten zu lassen. Für Psychotherapeuten entsteht dadurch eine neue Realität: Patienten kommen zunehmend mit Informationen, Einschätzungen oder Ratschlägen in die Praxis, die sie im Vorfeld von KI-Systemen erhalten haben.


Ein Interview mit Kevin Hilbert
Dekan Fakultät Gesundheit
Health and Medical University Erfurt (HMU)
Prof. Dr. Kevin Hilbert ist Dekan der Fakultät Gesundheit an der HMU Health and Medical University Erfurt und beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Psychotherapie. Im Interview spricht er darüber, warum Chatbots für viele Menschen so attraktiv sind, wo ihre Grenzen liegen und weshalb KI therapeutische Arbeit derzeit nicht ersetzen kann. Darüber hinaus zeigt er, welche smarten KI-Einsatzmöglichkeiten für Psychotherapeuten schon heute entstehen – etwa bei Dokumentation oder der Entscheidungsunterstützung.

Mit dem Aufkommen von ChatGPT und Co. hat der Einsatz von KI zuletzt schnell an Relevanz gewonnen. Auf dem Deutschen Psychotherapie Kongress in Berlin wurden dazu auch Zahlen vorgestellt. Demnach nutzen in Deutschland bereits 6,5 Prozent der Bevölkerung KI-Chatbots, um Fragen zu ihrer psychischen Gesundheit zu stellen. In den USA liegt die Zahl sogar bei 13 Prozent. Überrascht Sie das?
Prof. Dr. Hilbert: Zu Beginn waren wir schon überrascht, dass so viele Menschen KI für die Informationsgewinnung auch in Aspekten der psychischen Gesundheit nutzen. Mittlerweile haben wir uns daran aber ein Stück weit gewöhnt. Ich persönlich glaube dennoch, dass wir erst am Anfang stehen und die Nutzung von KI in den nächsten Jahren deutlich zunehmen wird. Je stärker KI in breiten Bevölkerungsschichten ankommt, desto mehr Menschen werden KI auch für Fragen zur psychischen Gesundheit verwenden. Im Moment wird KI natürlich noch eher von einer jüngeren, technikaffinen Gruppe genutzt – aber das kann sich schnell ändern.
Was tun, wenn Patienten mit KI-Ratschlägen in die Praxis kommen?
Wie erklären Sie sich den Erfolg von KI-Chatbots im psychotherapeutischen Kontext?
Prof. Dr. Hilbert: Ein wichtiger Punkt ist offenbar das Gefühl von Anonymität. Hierzu gibt es Befragungen, die zeigen, dass viele Menschen bei der Nutzung von KI den Eindruck haben, mehr Anonymität zu genießen als beim tatsächlichen Praxisbesuch. Das finde ich durchaus überraschend, aber es ist offenbar der Eindruck zahlreicher Menschen. Über die Gründe lässt sich aktuell nur spekulieren. Manche denken vielleicht, dass sie in der Masse der Daten untergehen. Andere möchten eventuell den direkten persönlichen Kontakt vermeiden oder empfinden beim Weg zur Therapeutin eine gewisse Scham. Die Nutzung zu Hause in den eigenen vier Wänden kann hingegen anonymer und intimer wirken. Ob das aber tatsächlich die ausschlaggebenden Gründe sind, ist noch nicht ausreichend erforscht.
Dennoch muss man sich als Psychotherapeut*in darauf einstellen, dass Patienten, die in die Praxis kommen, ihre Themen im Vorfeld schon mit einem Chatbot besprochen haben. Wie verändert dieser Umstand die Kommunikation zwischen Therapeut*innen und Patienten?
Prof. Dr. Hilbert: Grundsätzlich ist es nichts Neues, dass Patienten neben der Psychotherapie auch andere Informationsquellen nutzen. Sie sprechen mit ihrem Hausarzt, mit ihren Freunden, mit Familienangehörigen oder mit anderen vertrauten Personen. Dass außerhalb der Therapie weitere Einschätzungen und Meinungen eine Rolle spielen, ist in meinen Augen völlig normal und legitim. Dennoch bringt die vermehrte Nutzung von Chatbots auch Gefahren mit sich. Zum Beispiel dann, wenn man in der Therapie an einem bestimmten Thema arbeitet und die betroffene Person anschließend zu Hause mit einem Chatbot darüber spricht – und dieser etwas völlig anderes sagt. Dann besteht die Gefahr, dass man in der Therapie gewissermaßen gegen den KI-Bot “anarbeitet”.
Was empfehlen Sie in einem solchen Fall?
Prof. Dr. Hilbert: Zunächst einmal muss man überhaupt mitbekommen, dass ein Chatbot genutzt wird. Manchmal berichten Patienten das von sich aus – und manchmal merkt man vielleicht, dass etwas nicht zusammenpasst, und fragt gezielt nach. Ich würde deshalb dazu raten, das Thema KI relativ selbstverständlich anzusprechen, zum Beispiel zu Beginn einer Therapie. Man kann einfach fragen: Nutzen Sie KI oder Chatbots? Haben Sie damit schon Erfahrungen gemacht? Gibt es etwas, das Sie dort regelmäßig besprechen?
Wichtig ist, dass diese Fragen nicht vorwurfsvoll klingen. Es sollte eher ein interessiertes Nachfragen sein. Denn dass Menschen sich informieren und versuchen, ihre Situation besser zu verstehen, finde ich grundsätzlich positiv. Manchmal brauchen Patienten aber Unterstützung, damit sie Informationen besser einordnen und für sich sinnvoll nutzen können. Genau dabei können Psychotherapeut*innen helfen.
Was KI-Chatbots gut können – und was nicht
KI-Chatbots unterscheiden sich zum Teil deutlich voneinander. Gibt es ein System, das Patienten besonders häufig nutzen?
Prof. Dr. Hilbert: Nach allem, was wir derzeit wissen, spielen spezialisierte therapeutische KI-Anwendungen aktuell nur eine kleine Rolle. Die meisten Betroffenen nutzen vor allem allgemeine Chatbots – also etwa ChatGPT, Claude, Mistral oder vergleichbare Systeme. Bei diesen allgemeinen Chatbots sehen wir bestimmte Eigenschaften, die hilfreich sein können, aber auch Risiken mit sich bringen. Sie sind sehr niedrigschwellig, reagieren schnell und kommunizieren oft empathisch. Gleichzeitig sind sie eben nicht speziell für Psychotherapie entwickelt und ersetzen keine therapeutische Behandlung.
Das bringt uns direkt zur nächsten Frage: Was können Chatbots gut? Und wo ist Vorsicht geboten?
Prof. Dr. Hilbert: Chatbots können in vielen Fällen einen wertschätzenden und nicht urteilenden Gesprächsstil erzeugen. Das ist zunächst einmal eine Stärke, macht aber alleine noch keine Psychotherapie aus – schließlich geht es in einer Psychotherapie nicht nur darum, wertschätzend miteinander zu sprechen. Es gibt eine detaillierte Anamnese, einen strukturierten Behandlungsplan und konkrete Ziele. Manchmal gehört es auch dazu, Dinge kritisch zu hinterfragen oder Interventionen einzusetzen, die nicht nur angenehm sind, sondern Veränderung ermöglichen. Genau das können allgemeine KI-Chatbots bisher nur sehr begrenzt. Häufig läuft es so: Man schildert ein Problem und bekommt sofort einen Ratschlag. Das kann sich im Moment hilfreich anfühlen, ist aber nicht automatisch therapeutisch wirksam.
Ein weiterer Punkt ist, dass viele Chatbots darauf ausgelegt sind, Interaktion aufrechtzuerhalten. In der Psychotherapie verfolgen wir aber eigentlich ein anderes Ziel: Menschen sollen unabhängiger werden, mehr Selbstwirksamkeit entwickeln und uns irgendwann nicht mehr brauchen. Eine Anwendung, die vor allem darauf optimiert ist, dass man möglichst lange mit ihr spricht, passt nur bedingt zu diesem Ziel.
Besondere Risiken bei vulnerablen Gruppen
In den USA wurde über Fälle berichtet, in denen die Schutzmechanismen von KI-Chatbots versagt haben und zum Teil gefährliche Antworten bis hin zur Ermutigung zum Suizid generiert wurden. Für welche Personen oder Störungsbilder sind Chatbots besonders ungeeignet?
Prof. Dr. Hilbert: Je schwerer die psychische Belastung oder Erkrankung ist, desto vorsichtiger wäre ich mit der Nutzung eines Chatbots. Besonders vulnerabel sind Menschen mit starker Lebensmüdigkeit oder Suizidalität. Aber auch bei Psychosen, schweren Abhängigkeitserkrankungen oder Essstörungen sehe ich deutliche Risiken. Das Gleiche gilt bei Kindern und Jugendlichen, ebenso wie bei Menschen mit Intelligenzminderung oder hochaltrigen Menschen. Es gibt also eine ganze Reihe von Gruppen, bei denen Chatbots problematisch sein können. Als grobe Regel würde ich sagen: Je höher der Schweregrad und je größer die Vulnerabilität, desto eher würde ich von einer Nutzung abraten.
Und umgekehrt: Können Chatbots bei bestimmten Beschwerden behilflich sein?
Prof. Dr. Hilbert: Es gibt erste Studien, die darauf hindeuten, dass KI-Chatbots bei leichteren Schwierigkeiten hilfreich sein können – etwa bei Stress, Ängstlichkeit oder Niedergeschlagenheit. Für alltägliche Belastungen, kleinere Reflexionen oder eine erste Orientierung kann ein Chatbot also durchaus nützlich sein. Mein Eindruck aus der aktuellen Literatur ist aber auch: Sobald es um ernsthafte, behandlungsbedürftige psychische Probleme geht, sind KI-Anwendungen bislang nicht besonders wirksam.
Viele Menschen warten monatelang auf einen Therapieplatz. Mit KI wird oft die Erwartung verbunden, dass sie die große Lücke im Therapieangebot füllt. Welches Potenzial sehen Sie hier? Oder ist das eine unrealistische Erwartung?
Prof. Dr. Hilbert: Die Idee liegt natürlich nahe. Wir sehen eine sehr hohe Nachfrage nach Psychotherapie und gleichzeitig ein begrenztes Angebot. Deshalb stellt sich automatisch die Frage, ob KI-Lösungen hier entlasten können. Gleichzeitig haben wir mit digitalen Gesundheitsanwendungen, also Apps auf Rezept, bereits seit einigen Jahren digitale Angebote im Versorgungssystem. Ich kenne dazu keine belastbaren aktuellen Zahlen, aber mein Eindruck ist nicht, dass diese Angebote die Nachfrage nach Psychotherapie bislang spürbar reduziert haben.
Bei KI könnte es ähnlich sein. Es gibt sicherlich Potenzial, gerade wenn die Systeme künftig besser und spezifischer werden. Aber ob KI tatsächlich die großen Versorgungslücken schließen oder Wartezeiten relevant verkürzen kann, lässt sich im Moment schwer sagen. Dafür müsste man sehr genau prüfen, welche Anwendungen wirksam sind, für wen sie geeignet sind und wie sie sinnvoll in bestehende Versorgungsstrukturen eingebunden werden können.
KI als Werkzeug für Psychotherapeuten
Viele denken bei KI in der Psychotherapie sofort an Chatbots für Patienten. Welche Einsatzmöglichkeiten für KI sehen Sie für Therapeut*innen selbst?
Prof. Dr. Hilbert: In diesem Feld passiert gerade sehr viel. Einige Ansätze werden aktuell noch erforscht, andere kommen langsam in die Anwendung. Die meisten kommerziellen Angebote sehe ich derzeit im Bereich Dokumentation – also bei Sitzungsprotokollen, Stundennotizen oder ähnlichen Anwendungen.
Darüber hinaus gibt es interessante Überlegungen, KI als zusätzliches Zuweisungsinstrument einzusetzen. Wenn beispielsweise mehrere grundsätzlich geeignete Therapieoptionen zur Verfügung stehen, könnte KI perspektivisch bei der Entscheidung helfen, welche Option für eine bestimmte Person besonders passend ist. Auch in der Ausbildung von Therapeut*innen gibt es spannende Ansätze. Insgesamt sehe ich also viele mögliche Einsatzfelder. Welche sich davon in der Praxis wirklich durchsetzen und einen nachweisbaren Nutzen haben, muss sich aber erst zeigen.
Zum Abschluss: Was raten Sie niedergelassenen Psychotherapeut*innen, die sich bisher kaum mit KI beschäftigt hat?
Prof. Dr. Hilbert: Ich würde empfehlen, das Thema KI jetzt bewusst auf den Schirm zu nehmen und auch Patienten aktiv nach ihrer KI-Nutzung zu fragen. Hier gilt es insbesondere herauszufinden, ob und wie die Patienten KI-Anwendungen nutzen und welche Erfahrungen sie damit machen. Im Grunde ist das vergleichbar mit anderen Informationen, die wir im Rahmen einer Behandlung abfragen – zum Beispiel zu verschriebenen Arzneimitteln oder etwaigen Vorbehandlungen.
Denn letztendlich geht es darum, nah an der Lebensrealität unserer Patienten zu bleiben.
Vielen Dank für das Interview, Herr Prof. Hilbert!


Über die Autorin
Jenny Ludwig ist PR- und Marketing Managerin bei RED. Sie beschäftigt sich unter anderem mit der Digitalisierung psychotherapeutischer Praxen und bereitet aktuelle Entwicklungen verständlich für den Praxisalltag auf. Im Fokus stehen dabei neben Praxissoftware, Telematikinfrastruktur auch neue Technologien wie Künstliche Intelligenz.
